Südtiroler Imker und Naturschützer Rupert Khuen-Belasi verstorben

Lebenslauf des Rupert Khuen-Belasi , anlässlich seiner Beerdigung am 6.12.2017

Unser Vater, Rupert Khuen-Belasi, wurde am 3.Juli 1926 in St.Pauls, Eppan geboren, auf dem Tschiederer Hof, dem Elternhaus der Mutter. Seine irische Großmutter betete in jener Nacht zum Heiligen Patrick, dass alles gut gehen möge. Aufgewachsen ist Rupert mit vier Brüdern – der fünfte, vor ihm, ist als kleines Kind gestorben – auf der Burg Belasi in der Gemeinde Denno im Nonstal in der Provinz Trient. Mit dem Kienspan wurden die Kinder ins Bett gebracht, der Brunnen plätscherte im Hof, der kleine Rupert wühlte sich ins Heu, um endlich in der Nacht hören zu können, dass der Salat schießt. Zuhause sprach die Familie Deutsch / wenn die Großmutter kam, sprach sie mit der Mutter Englisch / rundherum sprach die Bevölkerung Nones, eine eigene rätisch- italienische Sprache. Die erste italienischsprachige Volksschulklasse besuchte Rupert in Lover, einem Ortsteil von Denno. Dort gab es trotz Mussolini keine Feindschaft zwischen den italienischen und deutschsprachigen Kindern. Die Buben von der Burg zogen sich auf dem Schulweg ihre Schuhe aus, sie wollten ihren Mitschülern und sich selbst beweisen, dass sie genauso abgehärtet wie die anderen waren.
In den Dreißigern brachen die Folgen der Weltwirtschaftskrise auch in die fernsten Winkel durch. Von einem Tag auf den anderen war die behütete Kindheit beendet. Die Familie war verarmt, verteilte die Kinder zunächst auf Verwandte, die Mutter ging nach Bologna, um Geld zu verdienen. Rupert kam bei einem Onkel unter, war aber nicht willkommen, der einzige Freund war der Hund. Dann folgten Waisenhaus und Internate in Innsbruck, Bozen, Kremsmünster, Hall in Tirol. Mit 17 wurde er von der Schulbank in die Wehrmacht eingezogen, denn der Vater hatte für Deutschland optiert. Als Funker war Rupert an der Ostfront immer ganz vorne dran. Sein Leben lang hat er uns erzählt, dass die Soldaten an der Front alle leben und nicht sterben wollten, dass sie zur Versöhnung bereit und fähig waren, und dass das Töten und Sterben entsetzlich war.“Das steht in keinem Geschichtsbuch!“, sagte er. „Die Russen sangen wunderbare Lieder und warnten uns Soldaten auf der anderen Seite: Morgen kommt der Politkommissar, da müssen wir euch angreifen!“
Am 7.Februar 1945, morgens um sieben, streifte ein Kopfschuss den 18jährigen Rupert, sein rechtes Bein wurde durchschossen. Er dachte, das war`s. Aber er kam sofort auf einen Verbandsplatz, wo es nach Kaffee duftete, den die Ärzte tranken, um nonstop operieren zu können, und wo es nur Toilettenpapier für die Wunden gab. Auf dem zugefrorenen Kurischen Haff ging es auf Wagen mit Flüchtlingen zum Schiff. Das fuhr nach Saßnitz auf Rügen. Vor dem Hafen wurde neben diesem Schiff ein anderes Lazarettschiff mit Tausenden von Verwundeten von Engländern angegriffen und versenkt. Da dachte Rupert: Jetzt sind wir dran. Die Flieger aber drehten ab. Die Verwundeten wurden auf Flöße geworfen, per Bahn ging es weiter. Erst Wochen nach den Verwundungen wurde Rupert in Goslar mehrfach operiert und verbrachte fast ein Jahr im Lazarett.
Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft flüchtete er nach Südtirol, fand Mutter und Brüder. Die Gemeindesekretärin von Denno umarmte ihn wie ihren eigenen Sohn und stellte ihm italienische Papiere aus.
Ende 1948 lernte er seine spätere Frau Tatjana Schmidinger kennen, deren Muttersprache Russisch und Vatersprache Deutsch war. Drei Töchter haben sie in Vahrn aufgezogen. Dass seine Frau mit den Kindern Russisch sprach, fand er selbstverständlich.
Durch Anschauung und Beobachtung erlernte Rupert Khuen-Belasi die Tätigkeiten als Bauzeichner, Bautechniker, Bauleiter – ein tuttofare auf hohem Niveau, der 20 Jahre in Bozen und danach in Brixen arbeitete. Seinem unbestechlichen scharfen Auge entging kein Versuch eines Abrechnungsbetrugs. Und ihm entging auch nicht, wie er selbst und andere bei der Firma in Bozen durch fehlende oder zu geringe Versicherung ausgebeutet wurden.
In seinen Vorstellungen, was seine Töchter lernen sollten, war er seiner Zeit weit voraus: Er schickte uns für ein Jahr in die italienische Schule, damit wir die Staatssprache gut lernten und bereitete uns darauf vor, dass wir nun ein anderes Geschichtsbild vermittelt bekommen würden als bisher. Die Verwandten erklärten ihn für verrückt, aber er ließ sich nicht beirren. Wir wussten, dass wir keine Politiker und keine Karrieristen werden, sondern durch Eigenverantwortung und ehrliche Arbeit selbständig leben können sollten.
Was er für richtig hielt, zog er durch. So rückte er zum Entsetzen seiner Frau eines Tages mit zwei Bienenvölkern an. Allmählich wurden zwanzig daraus. Er wurde Schriftführer und Kassier im Imkerverein und –bezirk und blieb es Jahrzehnte lang. Aus berechtigten Sorgen um seine Gesundheit wurde er zum Vegetarier, ohne Gefolgschaft einzufordern. Er wirkte durch sein konsequentes Vorbild, in jeder Hinsicht.
Sein engster Freund Lutz Chicken hat in seiner Rede zu unseres Vaters 70ten beschrieben, was Rupert seine Kraft und seinen Lebensmut gegeben hat: Die Natur, die große Mutter, in der er ruhte, der ganze Kosmos. Das Bergsteigen hat diese Verankerung gesteigert und seiner Einsatzfreude, seinem Erlebnishunger und seiner Abenteuerlust entsprochen. Im Alter von 60 bis 70 Jahren hat er die Viertausender erklommen, zusammen mit seinen Bergfreunden und dem Alpenverein. Viele Jahre hat er in der Naturschutzgruppe der Sektion mitgewirkt.
Als Kind sang er Solo in der Kirche, die Patres hatten seine Stimme entdeckt. Nur kurze Zeit sang er in einem Chor, den Raimund Federspieler in Brixen leitete, die Arbeitszeiten ließen sich mit den Proben nicht vereinbaren. Die Musikalität und Freude daran sind geblieben. Zum Abschluss des Totenmahls für seine Frau vor fünf Jahren sang er mit seinen 85 Jahren zu ihren Ehren ein Mozart-Lied!
Als Kinder haben wir auch erlebt, welche Folgen das schwierige Leben unseres Vaters für ihn hatten: Er schrie nachts in Albträumen auf, hatte Schmerzen und empfand manchmal verzweifelte Wut über das, was er erleben hatte müssen und wie sich die Verhältnisse auf dieser Welt bis heute weiter entwickelten.
Wir hatten das Glück zu erleben, wie er mit fortschreitendem Alter seine Liebe und Herzlichkeit immer mehr zulassen und aufs Natürlichste zeigen konnte. Seine charakterliche Originalität fand in seiner Sprache lebhaften Ausdruck. Bis in die letzten Tage hat ihn ein tiefer Wesenszug begleitet: Sein Humor und sein Vergnügen an Witz und mimischer Gestaltung. Unnachahmlich drückte sein Gesicht eine belustigte fragende Haltung aus, als wir ihm etwas vorschlugen, was ihm vielleicht gut tun könnte.
Ruperts Vermächtnis an uns lautet: unseren Verstand kritisch einzusetzen, keiner Ideologie Glauben zu schenken, Verantwortung zu übernehmen, gegen Unmenschlichkeit und für Gerechtigkeit einzutreten und füreinander einzustehen.

Vahrn, 05.12.2017
 Helene Khuen-Belasi
Südtiroler Imker und Naturschützer Rupert Khuen-Belasi verstorben
 
 Zurück zur Liste 


 
Login
Fotogalerie
 zur Fotogalerie 
Kontakt
Südtiroler Imkerbund
Galvanistrasse 38
I-39100 Bozen

Tel. +39 0471 06 39 90
Fax +39 0471 06 39 91

www.suedtirolerimker.it